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#46 RE: Eine kleine Geschichte von Bin Online 27.05.2018 09:33

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....von Monika Bittl via Facebook

Kleine Heimweg-Nachtgeschichte

Nach einem Kneipenbesuch im Münchner Westend mache ich mich auf den rund einen Kilometer langen Heimweg durch das Viertel. Einige Straßen sind noch sehr hell beleuchtet und die Raucher stehen am warmen Frühlingstag scharenweise vor den Türen der Lokale. Andere Wegstrecken sind „abgestorben“. Es ist finster, spärliche Straßenbeleuchtung, keiner mehr unterwegs. Oft ein Riesenunterschied von einer zur anderen Parallelstraße.

Als alleingehende Frau achte ich darauf, wo und wie ich mich bewege, und suche natürlich eher die belebten Straßen.
Ein Volltrunkener kommt mir entgegen und labert mich an: „Mein Bruder hat ‚du Schwuchtel’ zu mir gesagt. Selber Schwuchtel.“ Ich nicke verständnisvoll. Merkt der Kerl aber nicht mehr. Es ist sinnlos, noch etwas dazu zu sagen. Oder hat schon jemals jemand mit einem Betrunkenen einen philosophischen Dialog geführt? Also! „Schwuchtel ... weil ich Gefühle ...“. Der Rest ist unverständlich, deutet aber darauf hin, dass der junge Mann mit seinem Bruder darum rang, Gefühlsäußerungen der vermeintlichen Männlichkeit zuzuordnen.

An der nächsten Straßenecke zoffen sich eine junge Frau und ein junger Mann: „Ich bin dir völlig egal!“, schreit sie ihn an. Er zurück: „Nein! Ich DIR! Du denkst nur an dich!“ Sie klatscht ihm eine, er möchte wohl gerne zurück schlagen, hält sich aber zurück, nimmt plötzlich ihre Hand in seine Hand und küsst sie. Und plötzlich umarmen sich beide, innig, liebevoll, so als würden sie verschmelzen, als wäre der emotionale Ausbruch nur ein Vorspiel gewesen.

Kurz vor meiner Hütte: Ein Bauchträger schreitet so vor sich hin, hinter ihm zwei Frauen mit Kopftuch. Der Typ bleibt stehen, sieht sich um. Ah, da kommen noch mal zwei Tanten mit Kopftuch. Die Töchter vielleicht? Nö, ältere Frauen wie ich. Und danach noch mal drei meiner Alters-Preisklasse. Und danach noch mal zwei! Wie jetzt? Schleppt dieser Typ x Ehefrauen heim? Einen Schwung nach dem anderem? Wenn ich gut rechnen könnte, würde ich jetzt zusammen zählen. Aber ich bin müde, ich will heim, sollen doch alle machen, was sie wollen, und von mir aus hundert Ehefrauen im Schlepptau haben. Aber nein. Es löst sich direkt vor meiner Haustüre auf – der Bauchträger ruft den Frauen zu, sie sollten sich beeilen, er könne nicht ewig warten, um sie auf dem Heimweg zu beschützen, in seinen Worten: „Schnell kommen, sonst ich nicht garantieren für dich, wenn Neger oder Jude dich packen. Zurück in Gebethaus.“ Ich versuche, mich nicht vor seinen Füßen direkt zu übergeben.

Warum redet der Bauchträger deutsch mit den Frauen und nicht wie sonst hier auf den Straßen türkisch oder sonst was? Die Frauen müssen aus verschiedenen Kulturen kommen. Plötzlich fällt mir ein: Um zwei Ecken gibt es einen Treffpunkt einer islamischen Gemeinde. Die waren da wohl, und der Bauchträger bringt sie heim.

Monaco di Baviera, Mai 2018. In einem Viertel, in dem bisher alles so wunderbar anders lief, vom türkischen Wirt, der auch nach 4 Uhr noch Alkohol ausschenkt und in dem ein Schwuler am Weihnachtsabend in der Kneipe strippt (obwohl das keiner wirklich sehen will), über die Jesidinnen mit ihrem Straßenfest bis hin zu den Arabern und Griechen, die sich nachts am Spielplatz treffen, um dort Schach unterm Mond spielen.

Die Politik hat das friedliche, bunte Zusammensein, das es hier wirklich gab, und das ich immer so mochte, aus dem Gleichgewicht gebracht, überfrachtet und damit zerstört. Ein „sicherer Heimweg“ wurde nun indirekt zur Männersache erklärt. Bezeichnenderweise nicht nur von islamischen Bauchträgern, sondern auch von deutschen, die über den “Schutz“ solcher Strecken wieder die Deutungshoheit über ein Weltbild erlangen wollen, das ebenso eng ist wie das ihrer Gegner. Die Freiheit der Frauen wird für eigene Zwecke fuktionalisiert. Es geht nicht wirklich um sie, sondern um einen anderen Gegner – die offene und liberale Gesellschaft, die weder Linke, Rechte noch stramme Muslime aushalten können, weil sie sonst ja dem Menschen an sich im Sinne der Aufklärung vertrauen müssten. Wider Willen eint all diese „Gruppen“ eins: Den Menschen als verführbar und defizitär zu sehen, und deshalb davon auszugehen, strengere Regeln oder Gesetze könnten den Menschen „bändigen“ oder seine angeblich schlechte Natur in Zaum halten. Das Gegenteil ist der Fall: Je freier der Mensch sein kann, desto moralisch „besser“ kann er sogar werden. Je weniger Gesetze und Gebote ich für ein Gutsein brauche, desto eher werde ich im Sinne der größeren Gemeinschaft denken und auch handeln können.

Im Strudel der Grabenkämpfe heute geht unter, wie wir alle (Frauen, Schwarze, weiße Hetero-Männer und türkische Ladeninhaber) zuerst sehen müssen, nicht unsere Weltsicht gegen die der anderen zu stellen, sondern mit unseren Werten dafür zu sorgen haben, dass unsere Gesellschaft solche Debatten erlaubt. Mein Großvater nach dem ersten Jahr im ersten Weltkrieg hätte nach seiner inneren Wende vielleicht gesagt: „Schau dir den Feind an – der ist auch nur ein Soldat.“ Die Waffen von vorgestern und die ausgehobenen Schützengräben an den Grenzen werden heute teilweise von den „Battles“ in sozialen Medien ersetzt.

Ich bin eigentlich ein völlig unpolitischer Mensch. Aber für diese Überzeugung stehe ich ein. Und für schönere Heimwege natürlich.

Gute Nacht.

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