#1 Über die Angst vor Ängsten von Bin Online 24.05.2018 20:16

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Harald Martenstein ist Journalist und Bestseller-Autor. Derzeit schreibt er für den Tagesspiegel. Gestern veröffentlichte er auf Facebook diesen famos geschriebenen Beitrag.


Über die Angst vor Ängsten



Ich habe in Frankreich und Israel gelebt und spreche einige Sprachen, sozial abgehängt fühle ich mich nicht. Nationalismus finde ich dumm. Ich möchte in einem weltoffenen Land leben, Zuwanderung habe ich immer als Bereicherung empfunden. Menschen in Not sollte man helfen. Deutschland mag ich, aber ich könnte auch woanders leben. Autoritär regierte Länder scheiden dabei aus. Wenn Sie mir unbedingt ein Etikett auf die Stirn kleben wollen, dann passt "liberal" wohl am besten. Was also ist mein Problem?

Wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann halte ich es nicht für unmöglich, dass mein kleiner Sohn eines Tages in Deutschland zu einer Minderheit gehört. Anders als die deutschen Türken würde er kein zweites Land haben, in dem Leute seiner Prägung in der Mehrheit sind. Das muss nicht schlimm sein, solange die Mehrheit ihn leben lässt, wie er will, so wie sie auch Homosexuellen (vielleicht gehört er dazu), Frauen und Juden alle Freiheiten lässt. Das ist alles andere als sicher. Viele muslimische Zuwanderer – natürlich nicht alle, natürlich nicht nur sie – halten wenig von Toleranz. So naiv, dass ich an die Allmacht von Sozialpädagogik glaube, bin ich nicht. Sie werden ihre Stärke nutzen, wie Mehrheiten das fast immer tun.

Während ich dies schreibe, tobt ein Shitstorm gegen den FDP-Chef Christian Lindner. Er hat auf dem Parteitag die Angst vor illegaler Einwanderung angesprochen. Jetzt sagen viele, er würde Ängste schüren. Diese Ängste gibt es aber nun mal. In der Apotheken Umschau haben sie einen Artikel über Angst gebracht. Der erste Schritt zur Heilung besteht darin, dass man sich die Angst eingesteht und seine Empfindungen ernst nimmt. Lindner hat genau das getan, was die Ärzte raten.

Meine Angst ist kompliziert, weil ich sogar Angst habe, über die Angst zu reden. Wer tut, was der Doktor empfiehlt, wird als Verrückter oder Rassist beschimpft. Zur Beruhigung lese ich Texte von liberalen Muslimen wie die Mohammed-Biografie von Hamed Abdel-Samad, die leider keinerlei beruhigende Wirkung hat. Immer mehr meiner Freunde laufen zu den Konservativen über, mehr aus Verzweiflung als aus Überzeugung.

1709 hat der englische Autor Daniel Defoe das Buch Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge veröffentlicht. Damals waren ein paar Tausend Deutsche zu den Briten geflohen, die Ablehnung war dort groß. Defoe stand auf ihrer Seite. Er argumentierte nicht moralisch, sondern mit dem Nutzen, den die fleißigen Einwanderer den Briten bringen würden. So hat Einwanderung, wenn sie funktionierte, immer funktioniert. Die heutige Einwanderung wird immer nur moralisch begründet, wie früher die Jungfräulichkeit vor der Ehe.

Für mich ist auch Freiheit ein moralisches Argument. Es ist demütigend, in Unfreiheit leben zu müssen. 1742 hat Voltaire, eines meiner Idole, das religionskritische Stück Der Fanatismus oder Mohammed veröffentlicht, einen Klassiker der Aufklärung. Goethe, der Voltaires Ansicht nicht ganz teilte, hat es übersetzt und in Weimar inszeniert. Die letzten Versuche, dieses Stück auf Deutsch aufzuführen, datieren nach meinen Recherchen von 1993, 2005 und 2017, immer in der Schweiz. 1993 unterband ein grüner Kulturdezernent das Vorhaben.

Vielleicht wäre es das Klügste, wenn wir, die letzten Religionskritiker, einfach unsere Koffer packen und mit den Kindern anderswohin gehen, in die Schweiz vielleicht, wie damals die Pfälzer nach England. Der Jubel aller Moralisten wäre uns gewiss. Aber irgendwie hänge ich an diesem Land.

#2 RE: Über die Angst vor Ängsten von Werner 25.05.2018 10:08

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Auf die politische Ebene gehoben: Ein Gespenst geht um in Europa. Marx? - Nein! Mutlosigkeit verbunden mit Angst, dessen Zentrum Berlin bildet. Das Problem sind nicht die Schwierigkeiten der Koalition aus der komplizierten Regierungsbildung heraus – es ist das Zaudern, das Moderieren, das Reagieren einer Kanzlerin, die so weitermacht wie bisher, kennen wir zwar – schätzen wir aber nicht mehr. Politische Schwerpunkte setzen Washington, Peking, Moskau oder sogar Teheran. Verlierer dürfte die EU werden, die von innen und außen droht zerrieben zu werden. Emmanuel Macron formulierte, dass das Momentum entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der EU ist. Das Weltgeschehen prüft die Souveränität der EU, die derzeit nicht erkennt oder erkennen will, dass sie eine solche hat. Macrons Ideen führten zwar zu einem gewissen EU-Schwung im Koalitionsvertrag – mehr aber nicht. Eine Welt von Polteren, Rüpeln und Lautsprechern benötigen als Gegenpart entschlossenen politischen Gestaltungswillen. Die EU basiert auf Frieden, sozialen und ökonomischen Freiheitsrechten, Vielfalt und Solidarität. Darauf sollte die EU sich besinnen. Daraus erwüchse der EU die Legitimation. Deutschland und Frankreich als zentrale Mächte müssten beweisen, dass die EU mehr ist als die Förderung strukturschwacher Räume. Alles verharrt aber im Konjunktiv solange die Berliner Bedenkenträger das politische Handeln formulieren.

#3 RE: Über die Angst vor Ängsten von Bin Online 25.05.2018 12:26

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Martenstein schreibt ja über die derzeitigen innenpolitischen Probleme und da ist die EU nur am Rande involviert. Die beiden Sätze beschreiben seine Ängste doch deutlich:

"Wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann halte ich es nicht für unmöglich, dass mein kleiner Sohn eines Tages in Deutschland zu einer Minderheit gehört. Anders als die deutschen Türken würde er kein zweites Land haben, in dem Leute seiner Prägung in der Mehrheit sind."

Jetzt ist Martenstein kein Kleinbürger sondern ein Kosmopolit, also er ist nicht der ungebildete Angsthase, der sich vor allen Fremden fürchtet, wie man den Menschen, die sich gegen die Flüchtlingspolitik stellen, gerne unterstellt.

Martenstein hat doch einen wunden Punkt getroffen, wer traut sich denn, sich zu seinen Ängsten und Befürchtungen zu stehen? Wer sich nicht so geschliffen, wie z.B. Martensten, ausdrücken kann, hält doch lieber den Mund. Wer heute sagt, dass er Angst vor Überfremdung hat, wird automatisch in die Nazi-Dumpfbacken-Schublade gesteckt. Er wird dann, reflexartig, als nationalistisch und xenophob bezeichnet.

Deutschlandhasser gibt es ja genug.
SED, der linke Flügel der SPD und Grüne wollen den Zuzug von Moslems ja noch deutlich erhöhen, als wenn daran das Glück von uns allen dranhängen würde.
Da funktioniert der "linksliberale Mainstream" immer noch bestens.

Dabei sieht jeder Mensch, welche Probleme auftauchen, wenn es zu moslemischen Ballungsgebieten kommt. In französischen und schwedischen Städten noch drastischer, als in Duisburg oder Berlin.

Hier handelt es sich schon um unsere eigene, nationale politische Bühne.
Aktuell ist ja gerade der Bamf-Skandal in den Schlagzeilen, ich wette, dass dieser niedergeschlagen und verharmlost wird. Wer glaubt den wirklich, dass Frau Cordt oder ihr Vorgänger Herr Weise ohne Rückhalt von oben so handelten, wie sie es getan haben. Die gingen schön zu Herrn Thomas de Maizière und ließen es sich schön abnicken und der wiederum von der Kanzlerin. So und nicht anders läuft das. Wäre es anders, stünden die drei Akteure schon längst zum Abschuss frei.

Martenstein schieb in seinen letzten Sätzen etwas über Auswanderung und da ist er nicht ganz alleine.
2016 verlegten 281 000 Bundesbürger ihren Wohnsitz ins Ausland.

#4 RE: Über die Angst vor Ängsten von Werner 25.05.2018 18:31

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Die Frage ist doch wie sollen wir angstfrei in die Zukunft blicken, wenn sich die Politik von Ängsten und Mutlosigkeit leiten lässt. Ängstliche mutlose Politik behindert die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaft.

Übrigens: Chardonnay bringt Fraternité Schwung

#5 RE: Über die Angst vor Ängsten von Bin Online 26.05.2018 09:24

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Also es ist schon beachtlich, wie Du hier zum Thema schreibst, ohne auch nur mit einen einzigen Wort auf den Eingangsbeitrag einzugehen.

Zitat von Werner im Beitrag #4
Die Frage ist doch wie sollen wir angstfrei in die Zukunft blicken, wenn sich die Politik von Ängsten und Mutlosigkeit leiten lässt. Ängstliche mutlose Politik behindert die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaft.
Dies hat mit dem Thema nichts zu tun, es geht hier um die persönlichen Ängste und Besorgnisse.
Das die Politik unserer Regierungen mutlos und von Angst geprägt ist, wissen wir alle und wir spüren jetzt auch deutlich Auswirkungen dieser Politik.

Auf Facebook erfährt Martensteins Beitrag eine hohe Resonanz und auch viel Zuspruch. Interessant ist, dass viele Menschen, die alles andere als ängstlich sind, diese Angst ebenfalls haben. Da sind gestandene Selbständige dabei, gestandene Frauen, eigentlich alles andere als Angsthasen.
Wir Rentner haben es natürlich einfach, was interessiert uns schon groß die Zukunft, unsere Rente kommt auf den Tag pünktlich und wenn wir nicht auf Reisen sind, dann sitzen wir in unseren Wohnungen bzw. Häusern.

Aber dass die massive Zuwanderung von Moslems handfeste Probleme hervorruft, ist ja nicht abstreitbar. Natürlich nicht alle, jedoch erschreckend viele lehnen unsere Werte, unsere Art zu leben ab. Wer schon einmal eine Gruppe Araber, die sich gar nicht so selten aggressiv und anmaßend geben, begegnet ist, wünscht sich innig, dass ihm eine weitere Begegnung erspart bleibt. Nicht wenige meiner Nachbarn, in erster Linie ältere menschen, organisieren sich ein Sammeltaxi wenn sie in die Innenstadt fahren, mit der U-Bahn trauen sie sich nicht mehr fahren. Unsere Linie führt an zwei Asylheimen vorbei. Lieber Werner, dass ist jetzt nicht die große Politik, sondern der Alltag, der durch Politik entsteht und um das geht es, denn es ist nicht nur unser Leben, sondern auch das unserer Kinder. In welcher Gesellschaft werden die einmal leben? Wie wird es unseren Enkel ergehen, wenn er schwul ist?
Nein, das Thema ist schon diskussionswürdig und wer heute lieber wegschaut und die Probleme ignoriert, wird eines Tages eines Besseren belehrt werden.
Zitat von Werner im Beitrag #4
Übrigens: Chardonnay bringt Fraternité Schwung

Mein hiesiger Weinhändler (mit Ausschank) ging in Rente und übergab den Laden seiner Tochter. Die machte aus dem Weinhandel eine "Vinothek" und taufte diese Libertè, Ègalitè, Chardonnay.
Neben meinen Rheingauer Riesling habe ich mir jetzt noch zwei Flaschen Chabils mitgenommen.

#6 RE: Über die Angst vor Ängsten von Werner 26.05.2018 19:37

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Da habe ich mich wohl etwas verrannt. Ohne Kenntnis biografischer Hintergründe ist es auch schwierig über persönlich begründete Ängste zu diskutieren. Ich wertete daher den Eingangsbeitrag mehr als allgemeine gesellschaftliche Ängste. Diese sind nun mal meist mit politischen Entscheidungen und Entwicklungen verknüpft.

Nach meiner Philosophie schleifen sich Entwicklungen am Ende stets am Gleichgewicht der Kräfte ab. Die Entwicklungswellen aber beanspruchen ein gewisses Zeitfenster. Was mich eher ängstigt ist das Unbekannte, die Frage, die nicht beantwortbar ist, an welcher Stelle der Welle befinden wir uns?

Für mich ist der Gutedel (Chasselas) der Alltagswein. Der Chardonnay ist eher ein Wein zum „sündigen”.

#7 RE: Über die Angst vor Ängsten von Bin Online 27.05.2018 09:56

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Zitat von Werner im Beitrag #6
Da habe ich mich wohl etwas verrannt. Ohne Kenntnis biografischer Hintergründe ist es auch schwierig über persönlich begründete Ängste zu diskutieren. Ich wertete daher den Eingangsbeitrag mehr als allgemeine gesellschaftliche Ängste. Diese sind nun mal meist mit politischen Entscheidungen und Entwicklungen verknüpft.
Warum soll man über persönliche Ängste nicht diskutieren können? Dazu braucht man doch den biografischen Hintergrund des Anderen nicht zu kennen. Eine Diskussion ist doch keine Psychoanalyse.
Martensteins (der ein renovierter Journalist ist) Text ist doch alles andere als allgemein geschrieben, wie persönlich muss man denn noch schreiben, damit es als persönlich angesehen wird?
Zitat von Werner im Beitrag #6
Nach meiner Philosophie schleifen sich Entwicklungen am Ende stets am Gleichgewicht der Kräfte ab. Die Entwicklungswellen aber beanspruchen ein gewisses Zeitfenster. Was mich eher ängstigt ist das Unbekannte, die Frage, die nicht beantwortbar ist, an welcher Stelle der Welle befinden wir uns?
Sorry aber dies ist Bullshit und hat mit dem Thema nicht das geringste zu tun.
Zitat von Werner im Beitrag #6
Für mich ist der Gutedel (Chasselas) der Alltagswein. Der Chardonnay ist eher ein Wein zum „sündigen”.

Interessant, da ich von der Sünde höchst selten touchiert werde, werde ich bei meinen nächsten Einkauf wohl eine Flasche mehr mitnehmen.

#8 RE: Über die Angst vor Ängsten von Werner 27.05.2018 19:55

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Zitat
Warum soll man über persönliche Ängste nicht diskutieren können? Dazu braucht man doch den biografischen Hintergrund des Anderen nicht zu kennen. Eine Diskussion ist doch keine Psychoanalyse.
Martensteins (der ein renovierter Journalist ist) Text ist doch alles andere als allgemein geschrieben, wie persönlich muss man denn noch schreiben, damit es als persönlich angesehen wird?


Was soll ich persönlichen Ängsten entgegnen? Vielleicht, dass es mir genau so geht oder auch nicht?

Zitat
Sorry aber dies ist Bullshit und hat mit dem Thema nicht das geringste zu tun.


War nur ein Versuch zu beschreiben wo meine persönlichen Ängste liegen.

Zitat
Interessant, da ich von der Sünde höchst selten touchiert werde, werde ich bei meinen nächsten Einkauf wohl eine Flasche mehr mitnehmen.


Na, ja da hast Du in Deinem Leben was versäumt – also ich möchte die „sündigen” Momente meines Lebens nicht missen ich empfand sie als wunderbar. Heute lebe ich außerhalb der „Sünde” kann aber mit einem Gläschen meine „sündigen” Erinnerungen auffrischen.

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